CHRISTIANE LATENDORF
 

Zeichen und Zustände

Vorspruch zu Christiane Latendorf.
 
Es gibt ein frühes Gemälde von Christiane Latendorf: eine weite Gegend in atmosphärischen Goldfarben. Da liegt klein auf der Flur ein wolliges Etwas: "Mein Wolkenschaf!" Vom Himmel gefallen - und blickt neugeboren verwundert um sich.
 
Wer Christiane Latendorf eben kennen lernt, hat den ganz richtigen ersten Eindruck: Das ist eine Art Selbstbildnis. Das ist ihre Märchenseite, das Sterntalerhafte.
 
Wer nun glaubt, das sei nicht von dieser Welt, verfehlt sie! Diese Frau fährt Auto, steigt in den Jet und fliegt zu ihren Freunden in ferne Länder, eben kehrt sie aus Indien zurück. Weltfremd ist eher, wer sie tatsächlich für eine Schäfchenwolke hält.
 
Über das Geheimnis dieser Doppelnatur wird bei Betrachtung ihrer Kunst also zu reden sein.
 
Christiane Latendorf
"Zeichen und Zustände"
Malerei und Scherenschnitt
 
Zumindest Kennern ihres Frühwerks wird angesichts dieser großen Ausstellung Christiane Latendorfs vielleicht die Frage aufsteigen: Was mutet uns die längst große Malerin hier eigentlich zu? Dabei ist es gar nicht so Neues - aber noch kaum Gewürdigtes: Harte, detailscharfe, unlöslich verklammert gefügte Großkompositionen! (Wenigstens beherrschen sie in erster Linie den Gesamteindruck.) Die sind voll von flügelnden, kriechenden, zu Verzweigung und Metamorphose neigenden, manchmal erschreckenden, totenköpfig bleckenden Wesen - in sei es noch so gekonnt ausgewogenen, trotzdem oft posaunenhaften Primärfarben im festgezogenen Netz von Schwarzkonturen. Das ist ein kraftvoll gebändigter Hexensabbath voll Tod und Leben, vieles davon im strengen Satz, anderes von frei schweifender Erfindung, nichts artistisch in sich Ruhendes, vielmehr ein bedeutungsschwangeres Pandämonium; das schiebt unser Genießertum beiseite - um nicht zu sagen verscheucht es. Dazwischen allerdings und selbstverständlich neben und trotz dieser neuen Malerei finden wir die stillen Oasen der arkadischen Kunst von Christiane Latendorfs berühmten Scherenschnitten, die zuweilen hinüberwirken in verträumt einfache Ölbilder geradezu französischen Geistes.
 
Einem Versuch, dem allen beschreibend beizukommen, spottet solch komprimierte Vielfalt. Das Gemälde, was ich mir als Interpretationsmuster ohne zu zögern ausgesucht hatte, heißt "Kirschtage". Man könnte es als Werk des Übergangs bezeichnen von Latendorfs früherer Malerei zum nunmehrigen, schon seit Jahren geübten - ich würde sagen neoexpressionistischen Malstil, wenn das Wort "expressionistisch" nicht andere Stilerwartungen auslöste und wenn das Bild "Kirschtage" nicht erst 2004 entstanden wäre, also inmitten von Malerei der neuen Art.
 
Doch nenne ich zuvor einige bezeichnende Bildtitel, die uns hier begegnen: "im Morgenland", "Kind im Wald", "Raketen in der Welt", "Rotkäppchen", "Schmerz, Teil des Lebens", "Herzauge", "Verwundeter, tot", "Die Hauskatze".
  Zu dieser letzten ein Wort. Da schleicht das magere Tier pantherhaft riesig dahin, schwarz auf scharfgelb. Dem Haustiernamen spricht das Bild Hohn in seiner Wildheit. Ringsum schwarze Bilderschrift wimmelnder Friese, auch der Tod fehlt nicht, - der Tod fehlt selten. Bei dem Bild "Verwundeter, tot" hat Christiane Latendorf an Otto Dix gedacht, dessen Schützengräben sieht man schon im Fahlgrün und Nebelgrau. Doch nichts von realistischer Räumlichkeit! Das dunkle Blutrot ist gar nicht in der Darstellung, sondern läuft als Gerinnsel einfach über die ganze Leinwand, was gleichwohl als krasser Naturalismus wirkt. Der im Schrei erstarrte gespenstische Kriegstote salutiert ominös, seitlich zieht ein Engel die Seele durch einen angstverengten Schacht in den Himmel. Unten baumelt, als wären wir bei Dix, die Gasmaske.
 
Inmitten solch harter Bilder steht unberührbar ein Werk wie der kostbare Scherenschnitt "Es spricht der Morgen und die Zeit". Ich versuche nicht, diesen schwarzen Mädchenkopf zu besprechen, sage nur, daß dieses Blatt von einer Schönheit zum Niederknien ist. Mit einem Wort: Derartig disparate Stilregister liegen griffbereit nebeneinander, die Spannweite der Künstlerin ist unfaßlich groß. Das wird schlagartig erhellt, wenn wir von dem subtilen Scherenschnitt noch einen Sprung tun zu dem quadratischen Acrylbild, das "Sörin" heißt und vom Ende des Saals her bis zu uns leuchtet: ein picassoich ins Profil gebrochenes Mondgesicht in Schwarzkontur auf Gelb und brennendem Zinnoberrot nebst Schwarzgrün - schlechterdings entwaffnend in der entschlossenen Sicherheit des Griffs in die grafischen und koloristischen Mittel. Das Staccato des Schachbrettmusters der rechten Schulter hebt noch kontrastierend die verwegene Größe dieses Kopfs. Das gehört zu den brandneuen Bildern, von denen Christiane Latendorf in ihrem vollgestopften Atelier mehrfach zu mir sagte: "Vorsicht, die Farbe ist noch feucht."
 
Unsere Betrachtung wendet sich dem Objekt "Kirschtage" zu. (Es hängt hier links an der Innenwand.)
  Den älteren Titel, den die Malerin lieber hinter dem harmlosen neuen versteckt, verriet sie mir: "Augenblick der Angst". Diesen wieder vorzuholen kann man ihr nicht ersparen: der Name "Kirschtage" beschönigt das Unheimliche, was sie ja selber gemalt hat. Abgesehen davon, daß die zwei einzig in dem Bild collagierten Kirschen wirken, als wären sie ad hoc aufgeklebt. Wie dem auch sei: Die ganze Ausstellung heißt doch "Zeichen und Zustände". Damit liefert die Malerin ihr eigenes Programm, natürlich auch für dieses besondere Bild. Offenbar verrät der ältere Titel zuviel von Christianes sprunggespannter Angst?
 
Die bedrängend detailprallen Bilder ihres jetzt und hier dominierenden Stils wollen oft nach gerade bersten von komprimierter Gegenständlichkeit, die eisenhart verklammert keinen Zentimeter Spielraum läßt. Folglich ist es in diesen Gemälden das zeichnerische Gerüst, das primär den Ausdruck prägt.
 
Verglichen damit waren die Bilder früheren Stils getragen von weich vertriebener Ölmalerei ohne Kontur; sie lebten von koloristisch delikat gestimmter Farbmaterie. Dieser Unterschied ist inzwischen groß und fordert Erklärung heraus.
 
Die nun überwiegend geübte Malerei bewahrt wohl die souveräne Koloristik, ja kommt mit ihr zu Meisterwerken wie die bereits veröffentlichte (leider hier nicht ausgestellte) "Indische Prinzessin". Die kommt aus einem morgenländischen Garten Eden, das Bild schimmert in sanften Skalen, wie bei einem Glasgemälde. Das Bild ist von 2006, unser "Augenblick der Angst" entstand schon 2004.
 
Im Dienste vehementen Ausdrucks werden Bilder nun mit schärferen Mitteln, wo nötig erachtet sogar häßlichen, aufgerüstet. Das gefällt sicherlich nicht allen. Die Entfaltung eines Personalstils aber vollzieht sich nun mal nicht nach Maßgabe von Wunschkonzerten.
 
Die in vielen Gemälden vibrierende Angst ist nun ganz offensichtlich thematisiert in "Augenblick der Angst". Christiane Latendorf hält als Künstlerin dem Affekt stand, indem sie ihn darstellt. Allenfalls weicht sie aus in ausnahmsweise auch heute sanftere Bilder oder vollends in die Entspannung bei ihren kontemplativen Scherenschnitten. Doch im Hauptberuf nun einmal Malerin, entlädt sie mit kataraktartig produktivem Impetus ihre getriebene Phantasie in problemgeladene Gemälde. Und es gelingt ihr: es ist ihre permanente Selbsterlösung! Denn persönlich wirkt Christiane ganz schlicht sachlich, unaufgeregt, vertrauensvoll und ihrer Kunst so ergeben wie den Menschen rückhaltlos zugetan; und zwar allen, ob hier, in Afrika oder Indien, und natürlich denen, die sich für sie und ihre Sache interessiert.
 
Das von ihr in "Kirschtage" umgetaufte Bild also wird beherrscht von einer riesigen frontalen Büste, ziegelrothaarig, im gleichen Rot die häßlich glotzenden Augen, der wurstartig aufgeworfene Mund, die monströse Nase mit schwarzovalen Löchern - diese Details, auch der plumpe Schulterabschnitt, sind ganz vorn auf dem mehrschichtigen Gemälde. Die mondrunde Gesichtsscheibe ist durchsichtig vor blauem und schwefelgelbem Grund. Das grelle Gelb zeigen auch die von unten treppenartig ansteigenden Horizontallinien rechts und links. Knapp am Oberkopf und vergleichsweise klein ist ein flatternder fasanenartiger Vogel, aus dem Gelbgrund mit Blauzügen in quasi skulpturaler Technik ausgespart; andere Gelbblitze zucken im Grund. - Doch nun: Aus dem Nebel in der halbtransparenten Tiefe dieses Großgesichtes blicken in unterschiedlicher Distanz, surrealistisch isoliert, Augen; auch erkennt man in dieser imaginären Innenatmosphäre kreisendes Getier, zum Beispiel Hundeköpfe, schlangenhaft kriechendes - was alles an schleichend lauernde, plötzlich zupackende Traumfauna gemahnt. Im zotteligen Rothaar nistet weiteres Gelichter, daneben wie zufällig aufgeklebt die titelgebenden zwei Kirschen.
 
Unser angeregt aufgestörter Blick verbindet diese verschiedenen Augen zunächst mit dem aufdringlichen "Mund" ganz vorn - doch zu dem gehören ja schon die roten Augen im Vordergrund. Es sind zu viele Augen da, die also umspringen, wie umgekehrt manchmal im griechischen Tartaros zu wenig Sachen für zuviele Interessenten vorhanden sind, wie bei dem einen Zahn, den sich drei alte Scheusäler teilen müssen. Vorliegendenfalls also setzt man das zuviel an Augen nur momentan zu Gesichtern zusammen, wie beim Felsenlesen: es ist ein labiles Puzzle, das jedes Kind spielt, wenn es mittags schlafen soll und zum Vorhang oder zur gemaserten Schranktür guckt.
 
In unserem Bild nun spielt seine Malerin ihrerseits mit diesem Hin und Her. Sie erzielt im Betrachter leises Ungleichgewicht, unbestimmte Erwartung, womöglich vage umirrendes Angstgefühl, bei dem Geahntes bald so, bald anders figuriert, bald sich auflöst. Scheinbar verändert sich das Bild sogar - ganz ohne Dorian Graysche Hexerei, so wie in vielen anderen Latendorfschen Bildern verflechtene Wesen aus einander wachsen oder sich ineinander verwandeln.
 
Christiane Latendorf beherrscht ihre Mittel, ohne je artistisch selbstverliebt damit zu kokettieren, dazu hat sie gar keine Zeit. Denn pausenlos kommen ihr die Einfälle, sie plant vermutlich wenig, ihre Intuition führt sie, nicht ihre bildnerische Intelligenz, die ganz gewiß, doch im Hintergrund, ihre professionelle Arbeit tut. - Aus diesen Gründen forscht man nach Absichten besser nicht. Was sie will, fusioniert vielleicht im nächsten Augenblick mit neuen Impulsen.
 
So schwebt oder fließt in diesem eigenartigen, ingeniösen Bild alles, was nicht dagegen kontrastierend erstarrt. Das alles aber ist von einem Ernst durchdrungen, der nur halb deutlich und umso bedrückender das Getriebene als die Notwendigkeit spüren läßt, daß es halt so und nicht anders kommt, artistische Gesichtspunkte zwar vielleicht ihre Rolle spielen, aber die Hauptsache eben eine andere ist.
 
Beherrschend beim ersten und letzten Eindruck ist dieses starre Detail vorn, als Ganzes erschreckend vor den unheimlichen Tiefen.
  Christianes ursprünglicher Bildtitel ist jedenfalls der richtige: diesen ""Augenblick der Angst" hat sie gemalt als "Zeichen" für einen "Zustand". Wir sind beim Thema der Ausstellung. - Zweifellos handelt es sich um ein Hauptwerk. Allerdings ist es ja kein "schönes" Bild, und das von einer Malerin, die so schöne machen kann. Von Betrachtern aber, die sich trotzdem darauf einlassen, wird sich niemand der Macht dieses Gemäldes entziehen.
 
Es war schon die Rede von dem Abstand, der zwar nicht erhofft, doch besteht zwischen ihrem heutigen Malstil und den Scherenschnitten von Christiane Latendorf. Ihre frühe Malerei war auch arkadisch geartet, aber das ist anderthalb Jahrzehnte und länger her.
 
Dort, bei den schwarzweißen und bunten Scherenschnitten, wehen die lauen Lüfte des Gartens Eden, da schauen wir dem friedlich kreatürlichen Beieinander von Tier und Mensch wie aus weiter Ferne unversehens in trauliche Nähe gerückt einfach zu. Das ist die mythische Vorwelt, die zeitlos heile Welt von beschenkten Sonderwesen wie Christiane. Überwiegend daran erwärmt sich beglückt, was man über sie lesen kann. Ihr Umgang mit Tieren bestätigt: es ist ihre angestammte eigentliche Welt. Nur ist es nicht die einzige, und sie weiß das. Deshalb ist der Tod ubiquitär in dieser Malerei, die wie die Dunkelseite eines Wandelsterns die helle ergänzt. (Das hat Uwe Kolbe mit seiner Analyse des Bildes "Tod im Larvenstadium" eindringlich dargelegt.) Der Ernst von Christianes Engagement für an den Rand Gedrängte in aller Welt, zusammengedacht mit der Spannweite ihrer Kunst, die im Paradies wohnt so gut wie in unserer unheilen Welt und dort immer neuen Stand sucht, verrät, daß unsere Malerin nie vergißt: wir sind aus dem Paradies Verbannte.
 
Hält man gegen diese Papierschnitte das Bild auf der Einladung, DORO, die vier sich vor uns wie in einem Klappaltar aufbauenden Katzenmajestäten (ein schon 1994 entstandenes Werk noch im Stil von Christianes Frühmalerei). So vernimmt man bereits den anderen Ton. Zwar gehören diese Vier immer noch auf die Bühne der Opera buffa. Daß diese menschenähnlich aufgerichteten Tiere bei allem Humor etwas Sphinxhaftes haben, daß sie kratzen und beißen können - das sieht man. Gemalt ist es deliziös. Gegen Ende des alten Jahrhunderts aber trennen sich die Wege der Latendorfschen Malerei immer weiter von jener Paradiesursprünglichkeit.
 
In den Papierschnitten indes hält sich das Arkadische bis heute, als wär es durch die Gattungsgrenze geschützt und für sich gehalten. Christiane selbst erhält sich diesen Schutzbezirk. Ihre Scherenschnitte sind nun nicht etwa matissisch, wie dieses Genre ja vorgeprägt ist; doch wie bei Matisse von unbeschwertem Ton. Besonders die farbigen Schnitte ballen dennoch manchmal die Motive kompakter als man es sehen kann in den weiträumig dekorativen Arbeiten vom alten Matisse. Sogar bohrende Psychologie ist manchmal diesem heiteren Genre bei ihr nicht fremd. Gleichviel: "Flügelschlag der Seele" - dieses schwebende Motto hat sie als Lyrikerin für diesen Bezirk ihrer Kunst ausgegeben.
 
Ein Zug ist es, der ihre Papierschnitte mit dem alten französischen Meister im Wesen tatsächlich verbindet. Dieser Kunst sieht man die Arbeit nicht an! Nun ist das nicht schon ein Gütesiegel. Aber es ist eine Eigenart, die den beladenen Ernst des menschlichen Daseins nicht zu Wort kommen läßt. Seine Kunst ist immer schon am Ziel, wo man sonst sich abmüht im Schweiße seines Angesichts. Da spielt sich alles ab, als gäbe es Mühen gar nicht. Ein schwereloser Charme überspielt das gestrenge Gebot der Genesis: Arbeit und Sterblichkeit sei des Menschen Los. - So eignet dieser Kunst ein paradiesischer Zug.
 
Ein kleines Werk der hier gelobten Gattung soll am Schluß angeschaut werden. (Es liegt hier in der Vitrine.) Wir gucken an diesem einfachen Beispiel der Malerin über die Schulter: "Haus bei Nacht", 2010. Bloß weil das Blatt so klein ist, wird es womöglich unterschätzt.
 
Schwarz sind nachts nicht nur alle Raben. Dieser hier ist gar nicht schwarz, wird jedes Kind einwenden. Augenblicklich verstehen würde es, daß schwarz die Nacht des Raben ist und der Vogel selbst darin gar nicht sichtbar. Christiane denkt an diesen treuen Hausgenossen Hans in zärtlichem Hellblau. Der Vogel hatte seinen Charakter längst in ihrer Seele verankert, und wir wissen, welche Farbenfülle dort eigentlich versammelt ist. Doch alle Tagesfarben sind in diesem Bild weggedämpft, zu absoluter Stille gebracht. Sehen wir uns das Blatt richtig an.
 
"Richtig" war schon, daß es uns augenblicklich tief angerührt hat. Vage fühlen wir schon wieso.
 
Drei Buntpapiere: Nachtviolett, Hellblau, Schwarz; drei Farbstifte: Violett, Beige, Zitronengelb. Kein Wort zuviel, keins zuwenig, Ökonomie der Mittel. Der einzig scharfen Farbe Schwarz ist die Schärfe genommen, denn jeder Weißkontrast schweigt: Es ist Nacht.
 
Der Hergang war dieser: Zuerst ein Papierbogen aus Nachtviolett. Da drauf ein hellblauer. Dem folgt das Hochrechteck "Rabenschwarz", das oben rechts an den Rand stößt. Diese schiefe nächtliche Dachkammer bekommt links ein Randornament aus wenigen Großformen: oben ist das aufgelegte Hellblau wie ein Pfeil zum Dreieck verkürzt, darunter bleiben stehen zwei "halbierte" violette Dreiecke, aufs Blau ist mit Buntstift (von der Unterlage gedämpft) am Rand gelb das Dreieck gesetzt, mit reichlich blauem Grund ringsum. Dieses trianguläre Ornament ist ein diskret, vielleicht unbewußt, jedenfalls instinktsicher gesetztes Ausrufezeichen. (Ich komme darauf zurück.)
 
Nun klebt die Malerin groß den ausgeschnittenen Raben als Blauvogel auf. Er reicht mit breitgefächertem Schwanz und adlerhaft im Boden verankerten Fängen vom unteren Rand bis fast zum oberen, gegen den sich mondhaft das Rund seines Hauptes wölbt. - Dieser große Vogel, eine Saatkrähe, war schon tot, als Christiane das machte. Es ist ein Trauermal. Unser Bild ist noch nicht fertig. Jetzt zeichnet sie: Beige die Maserungslinien, wo Haus steht. Nun wenige Binnenformen violett, die Schwinge wird umrandet wie der Krummstab eines Bischofs. Dann die Hauptsache, das groß geöffnete Auge, menschlich, brudernahe. Sieht man näher hin, was da mit Stift eingetragen ist (Iris und Pupille unter einem Bogen), so öffnet sich das alte Geheimnis um den Ausdruck in der bildenden Kunst. Gleichzeitig erschließt sich die Interpretation an dieser Stelle den Zugang von der tatsächlich einzig real vorhandenen Vordergrundschicht der Papiercollage in die Hintergrundschichten dessen, was sie ausdrückt.
 
Wenn ich mich nicht irre, hat Christiane nicht zwanzig Versuche gemacht, bis sie dieses "Auge" hatte. (Ich stelle ihr die blöde Frage nicht.) Beileibe sind solche Versuche erlaubt, sogar die Regel. Doch es paßt zu ihr nicht. Sie wußte es einfach. Es wurde halt so, kam ihr als "ein Antrieb in der Hand", wie Gottfried Benn sagte.
 
Es ist eine alte Erfahrung: Auch die feinste Kunstanalyse macht Halt vor der Nuance des mimischen Ausdrucks. Jede einzige Veränderung um Mund und Auge verändert ihn. Das ist seit Jahrtausenden so. Auch die Bedeutungen dieser minimalen Nuancen sind konstant, niemand weiß wieso. Das feine Signalsystem funktioniert diesseits der Sprache, der Säugling liest unser Lächeln, lächelt zurück. Worte sollen den Ausdruck fassen: "Gütig." "Tückisch." "Liebevoll." Das sind nichts als Worthülsen, die wir als Etikettierung auf die Phänomene kleben, ohne das Instrument zu besitzen, das uns sagte, warum das denn so ist.
 
Mit einem Wort: Der Rabe Hans blickt uns an: aufmerksam, gütig, zeitlos unergründlich. Man sieht es.
 
Zum Verstehen dieses tiermenschlichen Charakterporträts gehört alles, was hier zu beschreiben war. Stimmigkeit ist immer Zusammenklang der Elemente. Das Auge des Raben aber ist das Zentrum des Bildes. Auf derselben Blatthöhe haben wir links am Rande das besagte Ausrufezeichen. Die Nachtfarben, zumal das Blau, erinnern uns, daß das eigentlich doch schwarze Tier hier selber eine Erinnerung ist. Wie in der griechischen Kunst steht er für Seelenvogel. Berühmte Verse an den Mond richten sich nun auch an den nächtlichen Raben: "Breitest über mein Gefild/lindernd deinen Blick/wie des Freundes Auge mild/über mein Geschick."
 
Sehr hoch ist das gegriffen? In der Tat. So hoch, wie Christiane Latendorf zu steigen vermag. - Ist nun der Ton für dieses "leichte" Genre vielleicht allzu ernst geworden? - Ich habe nicht vergessen, daß es sich um ein Spiel mit Papier und Schere handelt. Die Künstlerin kann ja nichts dafür - und wir auch nicht, daß beim Rühren dieses Spiels an Tod und Abschied nächtliche Saiten klingen. Mag es ruhig heitere Opera buffa bleiben. Seit Mozart wissen wir doch, daß das menschliche Herz ein einziges ist, durch das alle Ströme gehen, von nahe und fern, auch daß ihm alle Töne auf der Skala von Trauer und Freude urvertraut sind.
 

Heiner Protzmann

Laudatio zur Midissage “Zeichen und Zustände” im Landgericht Bautzen von Heiner Protzmann
vorgetragen von Jan Bereska am 26. Mai 2011

 
     
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Christiane Latendorf aus Dresden, stellt aus im Bautzener Landgericht. Heiner Protzmann: Laudatio zur Midissage "Zeichen und Zustände" von Christiane Latendorf am 26. Mai 2011 in Bautzen im Landgericht. Die Ausstellung läuft im Rahmen des Projektes "Kunst & Justiz" im Landgericht Bautzen. Dr. Heiner Protzmann lebt in Dresden.
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