CHRISTIANE LATENDORF
 

Hüterin des Einhorns

“Am Ende ist immer Anfang”, lautet der Titel einer Arbeit von Christiane Latendorf. Ich bin mir sicher, dass Sie weiß, was wir längst vergessen haben, dass nämlich hinter jedem Höllensturz ein Stückchen Paradies hervorscheint. Ich sitze in meiner neuen Wohnung, umgeben von den zahllosen kleinen Fetischen, die mir Christiane L., meine verwunschene Freundin zusteckte, und weiß nicht so recht, wo ich beginnen soll, von ihr zu erzählen. Ich lernte sie Anfang der 90er Jahre kennen. Ein befreundeter Künstler, Stefan Voigt, berichtete mir von ihren so einmaligen künstlerischen Erfindungen. Damals studierte sie noch an der Dresdner Kunstakademie. Kurz darauf sah ich sie in der Galerie Mitte. Sie beeindruckte mich. Ein breitkrempiger Zimmermannshut bedeckte ihren Kopf. Es handelte sich um eine dieser legendären Kopfbedeckungen, mit denen sie auch den Hochschulprofessor Siegfried Klotz ausstattete. Ihr blasses zartes Gesicht war von aschblonden Locken umrahmt. Christiane L. trug einen schwarzen Mantel, der mich entfernt an einen Militärmantel erinnerte. Sie gab mir eine Feder, die sie gefunden hatte, lächelte scheu und verabschiedete sich mit glockenheller Kinderstimme. Ich war seltsam berührt. Die Faszination von damals hält immer noch an. Und es wundert mich nicht, daß sie im Berliner Männerkreis um Stangel, Hermann, Grimmling und Scheib aufgenommen ist, der sich regelmäßig zum Stammtisch trifft, auch um ihren Erzählungen zu lauschen, ihren geheimnisvollen Gruselgeschichten, wie sie mir sagte. Manchmal nahm sie zu diesen Begegnungen ihre Taube Jule mit. Hans, ihre einäugige Saatkrähe, setzt sie diesen Strapazen nicht aus.
 
Christiane Latendorf liebt Märchen. Sie liest, wenn sie traurig ist, und liest, wenn sie glücklich ist, und verschenkt Märchen als Kraftspender. In ihrer Gegenwart werden Geschichten aus der Kinderzeit wieder lebendig, und zwar jene, die mit dem unerschütterlichen Glauben daran verbunden sind, daß das Gute siegt. Und man möchte dieses verloren geglaubte Gefühl nach einer Begegnung mit ihr für sich lange festhalten! …
 
Christiane L. fühlt das Leben heftiger als wir es vermögen und besitzt auf ihrem verschlungenen Weg Schlüssel, um Türen aufzuschließen, hinter die wir noch niemals geschaut haben. Manche fürchten ihre Arbeiten, andere sind ihnen zwanghaft verfallen. Es ist ein mächtiger Zauber, der von ihnen ausgeht. Das ist wahrhaftige Magie, die man in unserer zweckorientierten Gegenwart so sehr vermisst. Sicher fühlt man sich auch deshalb so angezogen, berührt, wenn man von Christiane L. einfach so ein Gedicht zugesteckt bekommt, oder einen bemalten Kieselstein, oder ein Buch. Sie geht auf die Menschen in einer unerschrockenen, liebenswerten Art zu, die diese einfach aufschließt und sie in den glücklichsten Momenten erkennen lässt, wer sei eigentlich sind. In Christiane L. steckt ein unergründlicher Hunger nach dem Imaginären. Vielleicht zieht sie ihre Sehnsucht deshalb nach Indien, dem Land, in dem die Tochter des Großwesirs Scherherban einem König in 1001 Nacht Geschichten erzählte, um ihr Leben zu retten. Auch Christiane L. erzählt Geschichten um zu leben, vielleicht sogar um zu überleben, unheimliche, groteske, verwunschene, realistische und visionäre. In Indien erlebt sie tatsächlich das, was sie später, bildnerisch verwandelt, dem Weiß der Papiere entbirgt. Sie sprach dort mit angesehenen Männern, sang spontan mit tiefer Stimme altindische Mantren, tanzte sich in Trance und wurde als Reinkarnation eines Gottes verehrt. Das klingt so unglaublich und ist in Bezug auf Christiane L. doch wahr! Als Horst Leifer noch Professor an der Dresdner Kunstakademie war, klebte dieser an das Turmzimmer, in dem sie während ihres Studiums ihr Atelier hatte, einen Zettel, worauf zu lesen stand: Hüterin des Einhorns. Und er hatte wohl recht damit. Gemäß der Legende des "Physiologos" kann ein Einhorn nur eine Jungfrau zähmen und damit dessen Wunderkraft erhalten. Rein und unverdorben, ein Inbegriff von Arkadien, erscheint mir diesbezüglich die Kunst von Christiane L. Sie ist eine begnadete Zeichnerin und eine faszinierende Koloristin, die je nach mentaler Stimmung ihr bildkünstlerisches Vokabular zu ändern vermag, immer wieder überraschend, immer wieder neu. Kunstwissenschaftliche Termini sind zur Charakterisierung der Handschrift fehl am Platz! Die Künstlerin malt und zeichnet, wie andere eine Biografie schreiben. Sie bann Erlebtes und verbannt es. Das ist Abwehrzauber, das sind Beschwörungsformeln. Letzen Endes geht es Christiane L. um eine Erweiterung der Erlebnisfähigkeit, genauer: um die Erweiterung der Fähigkeit, die Wirklichkeit als ganze zu erleben. Das geistige Instrument, das einem Selbstentfremdungsprozeß entgegenwirkt, ist für sie die freie, an nichts gebundene poetische Vorstellungskraft, die sie vor allem auf ihren zahlreichen Reisen nach Indien ausleben kann, dem Land, in dem sie sich angenommen fühlt, so wie sie ist. Als ich ihre Ausstellung mit dem Titel "Wiederkehr" in der Sächsischen Landesärztekammer eröffnete, weilte sie gerade wieder im Land ihrer Träume. Den Titel deutete ich als gutes Omen, jedoch hatte ich zum Ende meiner Einführung das Gefühl, daß Christiane L. nicht wiederkommen wird. Ich denke mir, daß sie irgendwann einmal dort wurzelt. Erst drei Wochen später meldete sie sich telefonisch. Sie sagte mir, daß sie zum Zeitpunkt der Eröffnung sehr krank gewesen war. Es gibt Dinge, die kann man einfach nicht erklären!… und da sie sich bereits vor dem Abflug auf dem Frankfurter Flughafen nicht sicher war, ob sie es schaffen würde, anwesend zu sein, schrieb sie mir einen Brief, in dem sie mich darum bat, ein Gedicht zu verlesen:
 
Ein vielgesehenes Stück,
das kehrt zu uns zurück,
im Herzen schweigt der Mohn
und mancher schöne Ton
bleibt ewig unerkannt -
das Leben ist ein Band,
das immer wieder zieht,
wie mancher Vogel fliegt…
 
Ein Notizbuch mit kunstvoll gestaltetem Einband ist ihr ständiger Begleiter, dem sie alles anvertraut, wie einem guten Freund. Sie schreibt dort ihre Figurationen ein, die ihr im Alltag zufallen, ihre Gedichte, ihre Geschichten - die sie dann später einmal zu Papierschnitten und Bildern anregen werden. So arbeitend habe ich sie zu Ausstellungseröffnungen gesehen und auf einer gemeinsamen Reise, die uns durch Italien führte. Sichtlich beeindruckt war sie in Assisi con den überlieferten Erzählungen über Franziskus. Auf vielen Ihrer dort entstandenen Papierschnitte kann man das Wort PAX/Frieden lesen. Christiane L. zeichnet, malt und schneidet aus Papier aus, was sie erlebt, innen und außen. Das macht die Arbeiten aus ihrer Hand so kostbar. Kraftvoll und phantasiebegabt lässt sie ohne Wenn und Aber zu, was an Erfindungsgabe Gestalt annimmt. In faszinierender Selbstvergessenheit entwickelt sie eine fesselnde Welt, die von den seltsamsten Wesen bevölkert wird. Ihr Blick nach Innen wird begleitet von einer genauen Beobachtung des täglichen Treibens ihrer Mitmenschen. Empfänglich für Sprachrythmen tauft sie das märchenhafte Geschehen in den vollendeten Arbeiten dann zumeist auf hintersinnige Bildtitel: "Die Heilung" ist der "Ausweg" um "Glücklich" zu sein und nach der "Sonne zu greifen". "Es sind Flügel, die sie tragen", "Ausschau" zu halten nach den "Verstorbenen". "In der Geborgenheit" ihrer Phantasie sieht sie die "kleine Flußelfe", die "Geburt eines Engels" und wie das "Mondauge versinkt". "Der alte Tod" und "alte Heiler" sind ihre Gefährten…
 
…Absurdes und Komisches, Romantisches und Liebliches, Wahres und Erfundenes, Befreiendes und Beängstigendes gehen in der Bildwelt der Christiane L. eine Symbiose ein, die ebenso verwirrend wie anregend ist. Sie hat es nicht verlernt, mit Kinderaugen zu sehen und sich überraschen zu lassen. Alles ist möglich! Eine vitale Freude am Machen und ein damit verbundenes, gesteigertes Lebensgefühl kennzeichnen ihre bildnerische Arbeit. Oft springt der Funke der Leidenschaft auf den Betrachter ihrer Werke über. Die Lust am Dasein überwiegt, aber man kann auch Rebellion gegen ein vorgeschriebenes Leben entdecken. Die Künstlerin verbirgt weder ihre Urängste noch ihre Freuden und Ekstasen. Sie schafft Arbeiten, die einen ganz eigenständigen Kosmos bilden. Diese schildern die Dämonie des Alltags und erheben sich aber gleichzeitig über ihn. Christiane L. betrachtet die Welt mit gütigem Eigensinn. So können ihre Arbeiten mitunter das Gefühl auslösen, als habe man längst Verlorenes greifbar vor sich, wie ein Versprechen. Ihre Arbeiten sind Beschwörungen des Glücks, gerade will sie den Tod nicht aus ihrer Bildwelt verbannt. Er ist ein guter Freund des Lebens. Christiane L. trägt eine Bilderflut im Kopf, die sich beständig Bahn bricht. Als Galeristin habe ich mich oft gefragt, wie man in einer Ausstellung dieser wuchernden Fülle gerecht werden kann? Doch nur mit einer so genannten Sankt-Petersburg-Hängung. Inmitten dieser Farbflächen, Konturzeichnungen, Ornamente, Strukturen und Figuren erkennt jeder dann vielleicht auch wieder seine Wahrheiten, die er aus Vernunftgründen nicht mehr glauben will. Christiane L. ist im Sternzeichen des Schützen im Jahre 1968 in einer Apothekerfamilie aus Anklam geboren. Nach absolvierter Apothekerlehre widmete sie sich der Alchemie der Kunst. Entmutigungen entzog sie sich mit einer beachtlichen inneren Stärke. Sie wusste, was sie wollte! 1997 absolvierte Christiane L. die Dresdner Kunstakademie mit einem Aufsehen erregenden Diplom, und seitdem arbeitet sie zurückgezogen in ihrem Dresdner Atelier oder in ihrem Zimmer in Anklam. Das schönste Geschenk an uns ist, daß es ihre Kunst vermag, uns den Glauben an Wunder zurückzugeben. Eine "Wiederkehr" in einer entzauberten Gegenwart.
 

Karin Weber

In: “LesArt”, eine Bildschriftreihe der Galerie Mitte, Dresden 2004, Nr.1

 
     
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Text über Christiane Latendorf Dresden. Karin Weber in einem Katalogtext über Christiane Latendorf im Katalog Papierschnitte, "LesArt" Dresden 2002 Bildschriftreihe herausgegeben von Karin Weber, Galerie Mitte in Dresden.
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